Werden wir mit KI irgendwann gar nicht mehr arbeiten?



Liebe KI-Interessierte,

diese Frage taucht in meinen Gesprächen immer wieder auf und vielleicht haben Sie sie sich ja auch schon gestellt:

Werden wir mit KI irgendwann gar nicht mehr arbeiten?

Diese Frage ist im Grunde nicht nur eine Frage, sondern bündelt eigentlich drei unterschiedliche Annahmen:

  • dass Berufe verschwinden,
  • dass neue entstehen,
  • und dass Arbeit insgesamt weniger wird.

Antwort-Klarheit entsteht indes erst, wenn man diese drei Ebenen trennt – und am Ende wieder zusammen denkt.

1. Ja: Berufe verschwinden. Das ist nichts Neues.

Bestimmte Tätigkeiten, Rollen und ganze Berufsbilder werden durch neue Technologien überflüssig – vor allem dort, wo Arbeit weitgehend aus standardisiertem Ausführen besteht.

Das Muster ist historisch gut belegt:

  • Hufschmiede – verschwanden mit der Verbreitung des Autos; nicht weil sie schlecht waren, sondern weil ihr Kernprodukt nicht mehr gebraucht wurde.
  • Schreibkräfte – ersetzt durch Textverarbeitung, E-Mail und später digitale Workflows.
  • Druck-Setzer:innen – verdrängt durch Desktop-Publishing und digitale Drucktechnik.
  • Einfache Recherche- und Auswertungsrollen – unter Druck durch Suchmaschinen, Datenanalyse-Tools und nun generative KI.

Der gemeinsame Nenner: Nicht der Beruf verschwindet zuerst, sondern der manuelle Anteil der Arbeit.

Neu ist dabei nicht das Ob, sondern die Geschwindigkeit, mit der diese Verschiebung heute erfolgt – und die Breite der betroffenen Tätigkeiten.

2. Ja: Neue Berufe entstehen, aber anders als früher

Wie bei früheren Technologiebrüchen entstehen auch mit Künstlicher Intelligenz neue Rollen. Allerdings nicht dort, wo viele sie vermuten.

Es entstehen vor allem Funktionen rund um Einordnung, Verantwortung und Steuerung von Künstlicher Intelligenz:

  • KI-Koordinator:innen – vergleichbar mit den ersten IT-Koordinatoren der 1990er Jahre; entstanden, als Computer nicht mehr „Spielzeug“, sondern Infrastruktur wurden.
  • Modell- und Tool-Verantwortliche – ähnlich den Rollen, die mit ERP-Systemen entstanden: jemand muss entscheiden, welches System wofür genutzt wird – und welches nicht.
  • Qualitäts- und Plausibilitätsprüfer:innen – eine neue Form dessen, was früher erfahrene Redakteure, Controller oder Fachprüfer geleistet haben: Ergebnisse bewerten, nicht erzeugen.
  • Governance-, Freigabe- und Einordnungsrollen – vergleichbar mit Datenschutz- oder Compliance-Funktionen, die erst relevant wurden, als Risiken real wurden.

Der gemeinsame Nenner hier ist, dass diese Rollen nicht entstehen, weil die Technik komplexer wird, sondern weil die mit Künstlicher Intelligenz verbundenen Entscheidungen indirekter und konsequenzenreicher werden.

Deshalb entstehen auch nicht primär neue Technikjobs, sondern solche, bei denen die Technik bzw. deren Ergebnisse bewertet werden müssen.

3. Und trotzdem: Wir arbeiten insgesamt vermutlich nicht weniger

Eine häufige Annahme zu Künstlicher Intelligenz trifft allerdings nicht zu: Wenn KI Arbeit schneller macht, müsste Arbeit insgesamt weniger werden.

Die empirische Evidenz spricht allerdings deutlich dagegen. Eine der klarsten Untersuchungen dazu ist die Studie „Generative AI at Work“ von Brynjolfsson, Li und Raymond (MIT / Stanford, 2023).

Sie analysiert den realen KI-Einsatz in wissensintensiver Arbeit. Der zentrale Befund ist nicht „Zeitersparnis“, sondern Arbeitsverschiebung:

  • Produktivität steigt deutlich: KI beschleunigt vorbereitende Tätigkeiten wie Schreiben, Recherchieren, Strukturieren.
  • Die gewonnene Zeit wird nicht abgebaut: Sie wird genutzt für mehr Output, mehr Varianten, mehr Abstimmung – nicht für kürzere Arbeitstage.
  • Der Engpass verlagert sich: Von Ausführen zu Entscheiden.

Die richtige Annahme lässt sich vielleicht so formulieren: Künstliche Intelligenz spart Zeit beim Tun, aber sie erhöht die Dichte von Entscheidungen.

Was konkret und sichtbar passiert:

  • Weniger sichtbare Vorarbeit
  • Mehr Entscheidungen pro Zeiteinheit
  • Mehr Verantwortung pro Person
  • Höhere kognitive Belastung pro Stunde

Das erklärt auch das spürbare Paradox vieler Führungskräfte: Objektiv wird Arbeit effizienter, subjektiv aber nicht leichter.

Die Arbeitszeit sinkt durch Nutzung von KI nicht automatisch. Sie wird vielmehr verdichtet.

Was daraus folgt

KI verändert Arbeit nicht an einer einzelnen Stelle, sondern gleichzeitig auf mehreren Ebenen: bei den Tätigkeiten, bei den Rollen und bei dem, was wir überhaupt als Arbeit verstehen.

Nicht das Tun wird zur knappen Ressource, sondern das Einordnen, Entscheiden und Verantworten.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Werden wir irgendwann gar nicht mehr arbeiten?

Sondern: Wie organisieren wir Arbeit, wenn Ausführen billig wird und Verantwortung teuer?

Die Antwort auf diese Frage ist zentral und wird doch noch eine ganze Weile recht diffus bleiben - bis wir klarer sehen, in welchen Richtung sich Künstliche Intelligenz entwickelt und wie wir lernen, damit gut umzugehen.

So, das war’s wieder für heute.

Schöne Grüße und ein weiterhin neugierig-gelassenes Führen mit KI

Ihre

Beate Freuding

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