Thinkslop.


Eine Freundin hat mich neulich gefragt, was "Thinkslop" eigentlich ist. Sie hatte den Begriff in einem Artikel auf LinkedIn gelesen und wusste nicht, ob das nun ernst gemeint war.

Vielleicht haben Sie den Begriff in Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz ja auch schon gehört. Da der Begriff recht neu ist, will ich ihn hier gern näher erklären.

Was der Begriff meint.

Marc Zao-Sanders hat ihn im Juni 2026 in der Harvard Business Review (Link am Ende) eingeführt. Gemeint ist das träge, schludrige Denken, das entsteht, wenn wir zu viel davon abgeben.

Der Begriff lehnt sich an „Workslop" an, das im Jahr zuvor die Runde machte. Workslop beschreibt, was am Ende herauskommt, wenn KI "einfach so" genutzt wird: polierte KI-Ergebnisse, die innen hohl sind. "Thinkslop" beschreibt, was davor mit dem Kopf passiert.

Zao-Sanders hat für seinen Artikel öffentlich sichtbare KI-Nutzung ausgewertet. Das ist natürlich nur eine Momentaufnahme und keine repräsentative Erhebung. Eine Einordnung daraus ist trotzdem bemerkenswert:

In mindestens einem Viertel der meistgenutzten KI-Anwendungsfälle lagern Menschen Teile ihres Denkens aus. Nicht ihre Arbeit. Ihr Denken.

Es kippt bei der Reihenfolge.

Wir alle wissen: Ein Werkzeug macht niemanden faul. Der Unterschied liegt vielmehr darin, wann und wie ich es benutze.

Zao-Sanders macht dazu einen einfachen Punkt. Natürlich kann man erst selbst überlegen, was man eigentlich will, und die KI danach fragen. Nur geht das Fragen so schnell und kostet so wenig, dass die meisten sofort damit anfangen.

Habe ich hingegen vorher selbst überlegt, und sei es grob, dann lese ich die Antwort als Vorschlag. Ich sehe, wo sie von meiner Einschätzung abweicht, und kann entscheiden, in welche Richtung ich sie noch ändern, konkretisieren oder verwerfen will. Fange ich mit der Frage an die KI an, habe ich nichts zum Vergleichen. Dann wird die Antwort einfach meine Meinung, weil sie vernünftig klingt und ich keine andere habe.

Meine Newsletter entstehen übrigens genau so: Ich habe eine grobe Idee, zu welchem Thema ich den Newsletter machen möchte. Dann erstelle ich mir dazu ein kurzes Mindmap und erarbeitete die vertieften Inhalte und Formulierungen dann mit meinem präferierten KI-Tool Claude. Also erst Grundgedanke, dann Zusammenarbeit mit der KI.

Im Team wird daraus eine Führungsfrage.

Bei mir allein ist das im Grunde meine eigene Sache. In einer Organisation ist es das nicht.

Wenn alle jede Aufgabe mit einem Prompt beginnen, verschwindet mit der Zeit etwas, das man nicht sofort vermisst: die eigenen Zwischengedanken. Der Einwand, der jemandem beim Nachdenken gekommen ist und nicht beim Lesen.

Am Anfang merkt das niemand, weil alles schneller geht und ordentlich aussieht. Auffällig wird es erst, wenn eine Frage kommt, für die es keine fertige Antwort gibt.

Das soll aber natürlich nicht heißen, dass die Führungsebene KI einschränken soll. Es heißt vielmehr, genau zu überlegen und zu entscheiden, welche Denkarbeit wann an die KI abgegeben werden kann und was unbedingt vor dem Prompten in unserem Kopf passieren sollte.

Woran Sie Thinkslop bemerken.

Das Trügerische an Thinkslop ist, dass es sich nicht ankündigt. Es sieht im Gegenteil nach guter Arbeit aus. Hier drei Situationen, die Sie vielleicht auch kennen:

1. Strategie-Shortcut: Eine Führungskraft fragt die KI nach einer Markt- oder Transformationsstrategie und übernimmt den ersten Vorschlag fast unverändert, ohne Annahmen, Risiken oder Gegenpositionen zu prüfen. Es hört sich alles plausibel an.

2. Meeting-Vorbereitung ohne eigene These: Vor dem Termin wird die Agenda komplett von der KI generiert, aber die eigene Position, der Konfliktpunkt oder die Entscheidungshypothese bleiben unklar und werden in dem Meeting damit nicht adressiert.

3. Entscheidungen auf Autopilot: Teams nutzen KI für Priorisierung, Bewertung oder Formulierungen in Diskussionen und merken nicht, dass sie eigene Kriterien zunehmend verlernen oder ausblenden.

Und ja, natürlich rutsche auch ich immer wieder in die Thinkslop-Falle. KI macht es ja auch so leicht, den einfachen Weg zu gehen, der viel kürzer scheint. Aber oft scheint das eben nur so.

Denn wenn ich der KI aufgrund meiner vorherigen Gedanken keine konkrete Richtung gebe, kommt halt nicht das raus, was ich eigentlich haben will. Und dann dauert das Nacharbeiten so viel länger, als wenn ich mir vorher ein paar Minuten Gedanken gemacht hätte.

Drei Fragen, damit mein Kopf der KI die Richtung weist.

Leider ist wie immer das Prinzip leichter verstanden als dann in der täglichen Arbeit umgesetzt.

Ich habe mir dafür eine kurze Routine angewöhnt. Sie kostet wenig Zeit und hilft mir sehr, Thinkslop bestmöglich zu vermeiden:

  1. Was denke ich selbst dazu? Zwei, drei kurze Gedanken genügen schon. Wenn ich mir das kurz überlege, dann vergleiche ich die KI-Antwort automatisch mit meinen, wenn auch rudimentären Gedanken statt sie zu übernehmen.
  2. Was will ich eigentlich erreichen? Ich überlege kurz, mit welcher Absicht ich die KI jetzt gerade benutzen will und was dabei rauskommen soll.
  3. Wo würde ich widersprechen? Wenn die KI-Antwort kommt, höre ich auf mein Gefühl, wo ich irritiert bin bzw. ich etwas nicht ganz richtig finde. Genau diese Punkte gebe ich dann im nächsten Prompt zurück. Ich habe inzwischen gelernt, diesem Gefühl sehr gut zu vertrauen, denn genau hier liegt der Schlüssel, dass die KI-Ergebnisse wirklich die von mir gewollten sind.

Zu Anfang musste ich mich sehr darauf konzentrieren, dieser Routine wirklich zu folgen. Inzwischen ist es einfacher geworden.

Am Ende meines Gespräches mit der Freundin hat sie mich übrigens gefragt, wann ich denn das letzte Mal in die Thinkslop-Falle geraten bin.

Ich habe kurz überlegt. Erst letzte Woche, sagte ich ihr.

Als ich in Eile war und noch schnell eine kurze Übersicht für ein Projekt fertig machen wollte. Leider wurde dann aus dem "schnell" ein "sehr langsam", da das Ergebnis nicht so war, wie ich es wollte und dann das Nachprompten ewig gedauert hat.

Hätte ich 'mal nur etwas länger vorher darüber nachgedacht...

P.S. Der Artikel von Zao-Sanders steht in der Harvard Business Review vom 1. Juni 2026 und ist hier abrufbar: https://hbr.org/2026/06/how-people-are-really-using-ai-in-2026

P.P.S Alle bisherigen KI-Briefings finden Sie hier: https://ki-briefing.kit.com


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